22.03.2012

Bild: Hindenburgplatz (Foto: Rüdiger Wölk)
Nach vielen erfolglosen Anläufen wird nun aus dem Hindenburgplatz der Schlossplatz. (Foto: Rüdiger Wölk)

Der Abschied vom Hindenburgplatz

Rat beschließt Umbenennung in Schlossplatz
Um 18.02 Uhr begann die Debatte, um 19.39 Uhr stand das Ergebnis fest: Münsters größter Parkplatz, der Hindenburgplatz, heißt ab sofort Schlossplatz.
Von Klaus Baumeister

Mit 53:23 Stimmen beschloss der Rat am Mittwochabend bei geheimer Wahl, die durch die CDU beantragt worden war, eine Umbenennung. Vier Ratsmitglieder fehlten. Die 23 Gegenstimmen dürften allesamt auf das Konto der CDU-Fraktion gehen, weil sie zuvor – anders als alle anderen Parteien – erhebliche Bedenken gegen eine Umbenennung geäußert hatte.
Folgen der Umbenennung

Das Tiefbauamt montiert die neuen Straßennamenschilder zusammen mit einem Zusatzschild, auf dem auf den alten Namen hingewiesen wird. Das alte Schild bleibt zudem für eine Übergangszeit von einem Jahr zusätzlich vor Ort, der Straßenname bleibt rot durchgestrichen sichtbar. Betroffene Grundstückseigentümer erhalten von der Stadt ein Schreiben mit der neuen Adresse. Vermieter werden aufgefordert, ihre Mieter über die Adressänderung zu informieren.

CDU-Fraktionschef Heinz-Dieter Sellenriek wies denn auch darauf hin, dass selbst SPD und Grüne bei der Hindenburg-Debatte des Jahres 1998 gegen eine Umbenennung votiert hätten. Der GAL-Fraktionschef Hery Klas reagierte auf diesen Hinweis mit nachdenklichen Worten: „Stimmt, wir waren damals feige und ratlos.“

Dass die Debatte nicht zu einem Rechts-Links-Schlagabtausch verkam, war der FDP-Fraktionschefin Carola Möllemann-Appelhoff zu verdanken. In einem sehr fundierten Beitrag begründete sie einerseits das „Ja“ der FDP zu der Umbenennung, verwahrte sich zugleich aber gegen hämische Bemerkungen an die Adresse der CDU: „Die, die gegen die Umbenennung sind, sind trotzdem Demokraten.“

Zugleich spannte Möllemann-Appelhoff aber auch einen Bogen zu der „ungebrochenen demokratischen Tradition der SPD“. Die SPD hatte 2008 die am Mittwoch vollzogene Umbenennung beantragt. Über weite Teile der insgesamt sehr würdigen Ratsdebatte waren die Befürworter einer Umbenennung unter sich. So ging der SPD-Ratsherr Dr. Michael Jung ausführlich auf die Verfehlungen des ehemaligen Reichspräsidenten Paul von Hindenburg ein: „Hindenburg und Hitler kann man nicht trennen.“

Die GAL-Ratsfrau Prof. Brigitte Hansenjürgen meinte, die moderne Geschichtsforschung habe die Person Hindenburgs „entzaubert“. Er sei ein „Militarist und Monarchist“ gewesen. Mit seinem Plan der „nationalen Konsensregierung“ habe er Hitler den Weg geebnet.Sozialdemokraten, Grüne und Linke lobten Oberbürgermeister Markus Lewe für sein Engagement im Zusammenhang mit der Umbenennung, teilweise sogar sehr überschwenglich. Von der CDU erhielt Lewe kein Lob.

Klaus Baumeister - Westfälische Nachrichten, 22.03.2012



Entscheidung zum Hindenburgplatz:
Rat stimmt Umbennenung in geheimer Abstimmung zu

Der Rat der Stadt Münster hat entschieden: Die Mehrheit hat sich für eine Umbenennung des Hindenburgplatzes ausgesprochen. Künftig heißt er Schlossplatz. In geheimer Abstimmung votierten 53 für und 23 gegen einen neuen Namen. Doch damit dürfte dieses Thema angesichts eines möglichen Bürgerentscheids noch nicht beendet sein.

Das Interesse der Bevölkerung war groß. Die Zuschauerreihen waren voll besetzt. Oberbürgermeister Markus Lewe hob die ansonsten auf fünf Minuten begrenzte Redezeit angesichts dieser wichtigen Entscheidung auf. Er lobte die niveauvolle Diskussion im Rat.

Diese wichtige Entscheidung habe eine prägende Wirkung für das geistig-moralische Klima der Stadt. "Ich schlage Ihnen die Umbennung auch im Einklang mit meiner konservativen Überzeugung vor, die mich neben anderen politischen grundlinien persönlich geprägt hat."

Anfänge bei der SPD

Dr. Michael Jung (SPD) eröffnete den Reigen der Redner, wies nochmal daraufhin, dass es seine Fraktion war, die vor vier Jahren den Stein ins Rollen gebracht hatte.

"Der Name Hindenburgplatz ist heute einfach nicht mehr tragbar", sagte Jung und fügte hinzu: "Unsere Position in dieser Sache kann niemandem mehr zweifelhaft sein. Wir haben die Geschichte nicht vergessen, auch nicht dass viele Mitglieder unserer Partei damals in Konzentrationslagern gefoltert worden sind. Hindenburg hat das mit seinen Entscheidungen gedeckt."

Man wolle das Kapitel der Ehrungen und damit auch das Kapitel Paul von Hindenburg mit der Ratsentscheidung beenden.

CDU lehnt Umbenennung ab

Heinz-Dieter Sellenriek (CDU) nahm etwas Dampf aus der Sache: "Es geht hier nur um eine Straßenumbenennung, die ansonsten die Bezirksvertretung vornimmt", so Sellenriek. Zu Hindenburg gäbe es nun wirklich keine neuen Erkenntnisse.

Die Mehrheit der CDU lehne die Umbenennung ab, da es sich um einen nicht vertretbaren Eingriff in die Erinnerungsgeschichte dieser Stadt handle. Beileibe stelle sich die CDU mit dieser Entscheidung aber nicht gegen Oberbürgermeister Markus Lewe.

Grüne: Hindenburg war eine Unheilsfigur

Dr. Brigitte Hasenjürgen (Grüne) wiederum zog für ihre Fraktion deutlich Stellung. Hindenburg habe 1932 ohne Not die letzte demokratische Landesregierung abgesetzt. Hindenburg habe Hitler zum Reichskanzler ernannt, Hindenburg habe Hitler gewollt. Aus diesem Grund stimmten die Grünen für eine Umbenennung.

Raimund Köhn (Linke) appellierte an die CDU: "Ersparen Sie uns diese Peinlichkeit, ersparen sie das der Stadt und stimmen sie der Umbenennung zu."

Sytematische Zerstörung

"In unserer Fraktion ist lange darüber diskutiert worden. Dennoch war es keine Diskussion von links oder rechts", sagte Carola Möllemann-Appelhoff (FDP). Nicht alle, die eine andere Meinung hätten, seien politisch anders. "Hindenburg hat systematisch die junge Weimarer Republik zerstört."

Auch Pirat Pascal Powroznik sprach sich für für einen neuen Namen für den Hindenburgplatz aus.

"Wir haben Fachleute beauftragt. Von denen haben wir ein klares Ergebnis erhalten. Können wir jetzt noch wirklich sagen, wir warten ab, was die Bürger sagen?", fragte Fritz Pfau (ÖDP/UWG). Durch die Diskussion habe man es allerdings geschafft, dass sich die Bürger wieder intensiv mit der Geschichte dieser Stadt beschäftigt haben.

Streit wohl nicht beendet

Dass der Streit um Hindenburg mit dem heutigen Tag beendet ist, steht aber nicht zu erwarten. Die Initiative um mehrere emeritierte Historiker, die einen neuen Namen verhindern will, lässt nicht locker: Für Donnerstagfrüh hat sie zu einer Pressekonferenz eingeladen.

Sie strebt – so wie 2008 bei der Musikhalle – ein Bürgerbegehren gegen die zu erwartende Entscheidung des Rates an.

Christoph Ueberfeld, Münstersche Zeitung - 22.03.2012



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